Sailing Sirena

Entlang der kleinen Antillen nordwärts zu den BVIs / CORONA

#7 – 2019/Dez. – 2020/März kleine Antillen / nordwärts zu den BVIs /

Reisen jetzt? Nein, wir sind momentan in Antigua vor Anker und sozusagen in Selbstquarantäne.
Zeit also, die Reise zu unserem nördlichsten Ziel, den BVI’s, revue-passieren zu lassen und uns in der Zeit von CORONA neu zu organisieren.

Als CORONA Anfangs Februar nach Europa überschwappt, haben wir in Saint Lucia, Martinique, Dominica und Guadeloupe auf dem Weg nach Norden bereits wunderschöne Törns mit Gästen erlebt. In Antigua, unserem liebsten Karibischen (Segel-)Paradies bleiben wir fast einen Monat, fahren hier unsere letzten Gästetörn und haben daneben noch einiges am Schiff zu reparieren.
Und jetzt will es der Zufall, dass wir hier an demselben wunderbaren Ort sein können, um die herannahende Corona-Zeit «abzuwettern». Nun aber zu unseren Erlebnissen seit der Atlantik-Überquerung.

Saint Lucia 1 (7.-21.12.19)
Nach der anspruchsvollen, aber schönen Zeit der Atlantiküberquerung haben wir zuallererst das Bedürfnis, die Seele so richtig baumeln zu lassen: nichts zu «müssen», aber alles Schöne zu «dürfen». Also folgen wir den Klängen des Reggae, geniessen die Kreolische Küche und wählen die traumhafte Marigot Bay, Drehort von Dr. Doolittle, fürs süsse Nichtstun.
Bald aber schon kommt die Entdeckerlust wieder und wir erkunden die Bananenplantagen, den üppigen Regenwald und stossen dabei auf eine riesige Boa Constrictor, die zusammengerollt auf dem Waldweg vor uns liegt. Ein herrlicher Anblick! https://de.wikipedia.org/wiki/Abgottschlange

Martinique 1 (21.12.-1.1.20)
Weihnachten erleben wir in Saint Anne, dem Eldorado der Boots-Ankömmlinge und Liveaboards
Das Einklarieren auf den Französischen Inseln besteht aus einer einfachen Selbstdeklaration am Computer. Gleich nebenan ist die Marina Le Marin, einer der Hauptspots für Karibik-Segler: grosse Charterfirmen und Bootsausrüster.
Gemeinsam mit Martins Sohn David, seiner Frau Ursina und dem befreundeten Paar Andrea und Patrick geniessen wir die Bilderbuchstrände und das reiche Unterwasserleben an den Korallenriffen, insbesondere in Petit Anse d’Arlet, wo wir direkt am Riff ankern. Die Vielfalt der Lebewesen am Riff ist beeindruckend – ja einmalig!

Saint Lucia 2 (1.1.-7.1.20)
… zum Zweiten. Unseren Gästen zeigen wir die Perlen Saint Lucias, wozu nebst Rodney- und Marigotbay die Pitons in Soufrière gehören. Das sind zwei ehemalige Vulkanschlote die heute steil und bewaldet am Südende der Insel hochragen. Wären sie nicht bewaldet, würden sie uns an die beiden Mythen erinnern. Weiter führt uns die Tour zu den heissen Quellen und Schwefelfeldern von Morne Coubaril. Hier manifestiert sich die Kraft der Hitze im Erdinnern in den allerorts blubbernden und buntfarbigen Schwefelgeysiren. «Liquid sunshine», so bezeichnen die Einheimischen den Regen, der täglich mehrmals auftritt, stets gefolgt vom nächsten Sonnenschein.

Martinique 2 (7.1.-16.1.20)
Da hier in Anse Mitan ein Crewwechsel vorgesehen ist, besuchen wir nochmals Martinique mit seinen Highlights. Neu sind Laurence (Segelkollegin) und Daniel mit auf unserem Schiff.
In Saint Pierre, der Hafenstadt am Vulkan Mt. Pelée, erleben wir, wie unser Schiff die Betonplatte einer Boje übers Gefälle am Meeresboden in die Tiefe zieht. Resultat: Unser Schiff versetzt meerwärts und kommt an den Bugen immer tiefer zu liegen. Eiligst fahren wir mit dem Dinghi, wir sind grad auf dem Weg zurück zum Schiff, ans Heck unserer Sirena und eilen nach vorne, um die Bugleinen zu lösen. Wir atmen auf, als wir wieder frei sind!

Dominica (16.-20.1.20)
Dominica ist noch vom Hurrikan Maria (2017) gezeichnet. Die Kreuzfahrtschiffe haben die Insel lange gemieden. Neu legen sie wieder vor der provisorisch hergerichteten Hauptstadt Roseau am Südende der Insel an. Dominica ist ärmer und weniger entwickelt als die umliegenden französischen Inseln Martinique und Guadeloupe. Dafür ist Dominica sehr reich an Naturschönheiten. Und die wollen wir uns anschauen. Zudem leben hier die letzten Karibischen Indianer, die Kalinago.
Vor Roseau macht uns Marcus an der Boje fest. SeaCat, ein anderer Tourguide, jedoch drängt sich vor und vermittelt uns die bevorstehende Regenwaldtour. Die beiden scheinen mit-/gegeneinander im Zwist zu sein.
Mit Mr. Jones fahren wir auf steilen Strassen durch den Regenwald zur Titou George, zu den Trafalgar Falls und zum Emerald Pool. Die Titou Ggeorge windet sich mehrere hundert Meter durch die Felsen «bergwärts». Mit einer Rettungsweste ausgestattet schwimmen wir gegen den leichten Strom immer tiefer rein und die umrahmenden Felsen werden immer höher. Zuhinterst liegt ein Becken mit einem kleinen Wasserfall, ähnlich einer Gletschermühle in den Alpen. Von da aus kannst du dich runterkatapultieren und mit dem Strom talwärts treiben lassen. Darüber dichtester Farn und das Dach des Regenwaldes – einfach herrlich!
Die Trafalgar Falls sind riesig hoch und erinnern an die Rosenlaui-Wasserfälle bei Meiringen, einfach umgeben vom dichten Grün des Regenwaldes. Im Emerald Pool schliesslich kann man schwimmen und sich beliebig der Wucht des fallenden Wassers aussetzen – Wellness pur!

Am Nordende Dominicas liegt die Prince Ruppert Bay mit Portsmouth. Martin Providence nimmt uns an einem regnerischen Morgen auf die Flusstour den Indian River hoch. Stille und Fülle des Regenwaldes sind eindrücklich. Martin kennt alle Tiere und Pflanzen, über die er viel zu berichten hat. Einmal weist er auf einen Leguan hin, der im Baum droben so gut getarnt sitzt, dass wir ihn vorerst gar nicht erkennen können. Martin war Anführer der Ranger-Pioniere, die nach dem Hurrikan Maria den Fluss sowie den angrenzenden Regenwald von den ärgsten Sturmschäden befreien mussten.
Am nächsten Tag begeben wir uns mit Martin zum Schnorcheln entlang der Riffe des Cabrits/Toucari-Marineparks. Entlang steiler und tief nach unten reichender Felswände sind hunderte und Tausende von Fischen aller Grössen und Farben versammelt – und wir bestaunen das Ganze schnorchelnd von der Wasserströmung getrieben.
Armut und Wiederaufbau sind auf Dominica besonders eindrücklich zu sehen. Im Rahmen der Tourismusentwicklung für Yachten haben die lokalen Rangers die PAYS (Portsmouth Association of Yacht Services) gegründet und stellen ein grossen Bojenfeld zur Verfügung, in dem sie auch für Ordnung, Sauberkeit und Sicherheit sorgen. Wir fühlen uns hier jederzeit wohl.

Guadeloupe (20.1.-2.2.20)
Es geht weiter nach Norden zu den Inseln Les Saints vor Guadeloupe. Der Archipel bietet viele Ankerbuchten und auf Terre en Haut den Einklarierungsort Bourg des Saintes. Hier an der sicheren Boje wähnt man sich in einem paradiesischen Mikrokosmos. Les Saintes bietet alles: herrliche Buchten, wunderbare Strände, bizarre Felsformationen, französischen Charme, eine feine kreolische Küche und einen kleinen Flughafen. Beim Spazieren begegnen Laurence und Daniel inmitten einer Schafweide einem Leguan – zwei Tiergattungen, die nicht grad sehr verwandt sind miteinander.
In Point A Pitre auf Guadeloupe, liegen wir im Hafen. So können wir ein Auto mieten und uns den Westflügel des Schmetterlings (Form der Insel auf der Karte) ansehen. Nebst einem Bad am Nordende bei Tête Anglais, wo einst die Franzosen einfielen, erkunden wir Deshaies und die Bergwelt von Basse Terre. Inmitten der Berge führt uns die Route de la Traverse wieder zurück nach Point A Pitre. Anderntags gehen Laurence und Daniel, die uns ab Martinique begleitet haben, vom Schiff und reisen heim.
Wir liegen noch einen Tag vor der herrlich tropisch anmutenden Insel Gosier, bevor wir zum entlegenen Micro-Inselreich Îles de Petites Terres aufbrechen. Die Kunst besteht vorerst darin, diesen kleinen, flachen Archipel überhaupt zu finden. Erst einige Meilen zuvor erkennt man den Leuchtturm. Nun müssen wir den «Pass» durchs Korallenriff finden und korrekt fahren. Vor uns schiebt sich ein von der massiven Brandung gejagter Katamaran durchs Labyrinth. Es ist uns etwas mulmig zu Mute, aber wir absolvieren den Parcours von Wegpunkt zu Wegpunkt, welche wir uns zuvor auf dem Plotter gesetzt haben. Einmal drinnen herrschen Stille und eine wunderbare Tropenatmosphäre. Am Land finden sich Palmen und hunderte von Leguanen, am Ufer ein uns begleitender Zitronenhai und unter dem Katamaran eine Ansammlung von bis zu 20 ca. 1 – 1.5m langen Fischen, die sich hier am Schatten ausruhen.
Marie Galante, die Insel für die Kolumbus keinen Namen mehr fand ausser denjenigen seines Schiffes, ist voller Zuckerrohrfelder samt Windmühlen. Es bestehen aktuell noch zwei Ruhm-Destillieren. Mit dem Mietauto bereisen wir das tellerrunde Eiland und sind fasziniert vom Gueule Grand Gouffre, dem 70m hohen und runden Senkloch im Felsen, worin man unten das tobende Meer sehen kann. Ferner besuchen wir die Rhum-Destilliere Bielle, welche übrigens die orangen Bojen in der Bucht von Saint Louis zur Verfügung stellt. Momentan hängt unser Schiff an einer solchen. Auf den Strassen begegnen wir noch einem Ochsengespann.
Nordwärts geht’s entlang von Guadeloupe Richtung Antigua. Vorerst aber machen wir noch kurz Halt bei Pigeon Island, wo der Cousteau National Park mit seinen Inseln und Riffen liegt. Da wir ein ideales Wetterfenster für die kommende Überfahrt haben, setzen wir gleich weiter nordwärts und klarieren bei Deshaies aus. Später, auf dem Rückweg nach Süden, wollen wir im Park ausgiebiger schnorcheln.

Antigua 1 (2.2.-29.2.20)
Antigua ist mit dem historischen English Harbour, und der jährlich anfangs April durchgeführten Antigua Sailing Week eines der beliebtesten Segelreviere der Karibik. English Harbour Dockyard wurde 1789 fertiggestellt und damit zu Englands Hauptstützpunkt in den Kleinen Antillen.
In Antigua angekommen steuern wir gleich in die Falmouth Bay, welche ein riesiger Naturhafen ist und drei Marinas mit teilweise immens grossen Superyachten beherbergt. Nachts sehen die beleuchteten Yachten mit ihren Masten aus wie ein Klein-Manhattan.
Die Shirley Hights liegen direkt über English Harbour. Früher verteidigte man von hier aus die Hafenzufahrt. Heute versammeln sich hier die Menschen täglich zum Sonnenuntergang und geniessen zweimal die Woche Steeldrums und Reggea vom Feinsten.

Spannend erleben wir das Einlaufen der Schweizer Atlantikruderer (Talisker Whisky Challenge) Florian Ramp und Gaby Schenkel. https://m.20min.ch/videotv/?cid=227&vid=735151 und https://m.20min.ch/sport/weitere/story/Ruderin-Gabi-Schenkel-ist-nach-75-Tagen-auf-dem-Atlantik-am-Ziel-24433324

Bald schon erreichten uns Susanne und Ueli, deren Hinreise wegen des Sturmtiefs «Sabine» durcheinandergewirbelt wurde, so dass sie in Dublin einen Tag hängen blieben.
In Jolly Harbour können sie an Bord steigen. Nach dem Besuch der bekannten Buchten des Südens wollen wir ostwärts in die Nonsuchbay, einem naturbelassenen und durchs Korallenriff abgedeckten Revier. Jedoch lassen über 2m hohe Wellen und starker Wind von gegenan diese Pläne platzen. Wir segeln zur Deep Bay, wo noch immer Wrackteile des Frachters Andes aus dem Wasser ragen. Dieses Schiff kam 1905 mit einer Ladung Teer von Trinidad. Die durch Wellenschlag verursachte Reibung brachte die Teerladung zum Brennen und der Hafen von Saint Johns verweigerte dem rauchenden Schiff die Einfahrt. Als die Mannschaft zum Löschen die Frachtluken öffnete, entwickelte sich ein derart starker Brand, dass das Schiff in der Deep Bay auseinanderbrach und absank.
Great Bird Island liegt im Nordosten Antiguas am Rande des riesigen Riffgebietes. Hier verbringen wir zwei wunderbare Tage und können beim Wandern auf der Insel Fregattvögeln bei ihren Kunstflügen zuschauen. Obendrein begegnen wir am Strand einer ca. 1m langen Natter.
Nachdem unsere Gäste von Bord sind, bleiben wir zwecks Schiffs-Unterhaltsarbeiten nochmals zwei Wochen auf Antigua. Mehr dazu weit unten im Bericht.

Barbuda (29.2.-2.3.20)
Die Schwesterinsel im Norden besteht hauptsächlich aus Riffs und Sandstränden. Der längste zusammenhängende Sandstrand misst erstaunliche 16 Meilen (25km). Diesem segeln wir entlang und erreichen schliesslich die Codrington Lagoon. Dieses Brackwasser gilt als wichtigste Lobster-Brutstätte der Karibik und beherbergt hinter Galapagos die weltweit zweitgrösste Fregatt-Vogel-Kolonie. Diese schauen wir uns mit dem Guide und Lobsterfischer George an. Er fuhr bereits mit seinem Grossvater raus auf die Lagune. Heute zeigt er uns diese reichhaltige Fregatt-Kolonie, wo neben den flauschigen Jungvögeln vor allem die balzenden Männchen mit ihrem weit aufgeblasenen roten Kehlsack auffallen.
Zuvor können wir Verwüstungsspuren des Hurrikans Irma (Sep. 2017) erkennen: das zerstörte Beach-Hotel auf dem Sandstreifen zwischen Lagune und Meer sowie zwei vom Hurrikan über 1km durch die Luft gewirbelte Container, die vom Beach-Hotel stammen. Zum Schluss hievt George eine Lobsterfalle aufs Boot und entnimmt ca. 10 dieser Krustentiere.
Hurrikan Irma: https://www.wetter.de/cms/hurrikan-saison-2017-verheerende-bilanz-barbuda-bis-heute-unbewohnbar-4134560.html

Gustavia/St. Barthelemy (2.3.-3.3.20)
Unsere nächsten Ziele auf dem Weg zu den nördlich gelegenen BVIs sind Gustavia und Sint Maarten/Saint Martin, allenfalls noch Anguilla. Hier ist das Epizentrum des zollfreien Einkaufens in der Karibik. Wöchentlich legen die Kreuzfahrtschiffe an und es kommen uns viele Superyachten zu Auge. Insbesondere Gustavia wirkt wie ein einziger Einkaufstempel: Juveliere, Galerien, polierter Marmor und Chrom soweit das Auge reicht. Das will uns nicht so recht gefallen und wir reisen am nächsten Morgen weiter. Einen Zwischenstopp legen wir auf der Île Fourchue ein. Hier liegen wir in der Türkisbucht und Martin kann eine gefühlte halbe Stunde lang schnorchelnd einer Green-Turtle beim Seegrasfressen sowie Auf- und Abtauchen zuschauen.

Sint Maarten/Saint Martin (3.3.-6.3.20)
Diese Insel ist im Süden Holländisch und im Norden Französisch. Der Hurricane-Schock scheint noch tief zu sitzen: überall abgesunkene oder an Land gewirbelte Wracks. Das Navigieren in der Simpson Lagoon ist dadurch nicht ungefährlich. In die Lagune gelangt man von Norden und Süden via Kanal/Zugbrücke. Es hat über 12 Marinas in der Lagune. Ferner liegt der internationale Flughafen direkt zwischen der Bay und dem Meer. Die Flugzeuge donnern beim Landen direkt über die Badenden in der Maho Bay. Hier stellt man sich in den «Airwash» der startenden Flugzeuge und erfährt die Wucht der Triebwerks-Rückstoss-Luft. Es kann dich beim Fotografieren ab den Beinen blasen und dir die Kamera wegdrücken!
Wir treffen es grad zum Start der berühmten Heineken-Regatta: Sportliche Rennyachten aller Nationen, Grössen und Farben laufen täglich bei der Heineken-Tribüne an der südlichen Zugbrücke ein und aus. Dieses Spektakel fasziniert auch uns. Jedoch bleiben die grossen Renn-Kats- und Trimarane draussen in der Bay.
Weil das nächste gute Wetterfenster grad naht, lassen wir Anguilla aus. Es wäre bestimmt nochmals ähnlich wie Barbuda gewesen.

British Virgin Islands (6.3.-14.3.20)
Nach frühmorgendlichem Start machen wir am späten Nachmittag vor Spanish Town auf Virgin Gorda an einer Boje fest. Wir klarieren ein, sehen eine Sammlung von beschädigten Yachten in der Werft nebenan, schauen uns das verschlafene Städtchen an und gehen anderntags nordwärts in den Gorda Sound.
Hier erleben wir gleich Hurrikan-Schock2: zerstörte Natur, zerstörte Resorts, weniges ist erst im Aufbau, ein Resort ist fertig. Weil Starkwind angesagt ist, geht’s wieder nach Spanish Town an die Boje. Die Bojen liegen eher nahe beisammen und gegen Abend kommt der Wind von allen Seiten über die nahe Krete gebraust. Die Schiffe tanzen und die Abstände sind teile bedrohlich klein. Genau jetzt steigt unser Nachbar ins Dinghi und geht mit der Familie essen – super und wir überwachen den Abstand unserer Schiffe bei Böe. Beim Eindunkeln kommt es zu einer «Beinahe-Berührung». Mir ist es unwohl, so in die Nacht zu gehen. Wir ziehen Wache auf. Und jetzt geschieht es:
Die beiden Katamarane schwenken in der Böe bedrohlich aufeinander zu, ich werfe die Motoren an, fahre ein Ausweichmanöver, aber Pumm – es gibt einen Schlag seitlich an unserem Steuerbordheck. Wir rufen aus – der Nachbar kommt verschlafen auf Deck – einige hässige Worte und wir lösen uns von der «gefährlichen» Boje und können im Mondesschein eine «etwas besser gelegene» Boje aufnehmen. Am Morgen schleicht der «Kollisionspartner» ab und nimmt nicht mal den Funkspruch auf, als ich ihn nach seinem Namen und der Versicherung fragen will. Die Delle ist ca. 5mm tief, der Rumpf jedoch nicht aufgebrochen. Es scheint alles dicht. Später werden wir das mit Gelcoatfiller provisorisch ausebnen, am Trockenplatz dann fachgerecht reparieren (lassen).
Wir segeln den Sir-Francis-Drake-Channel in südwestlicher Richtung runter, an Steuerbord die Hauptinsel Tortola, an Backbord die kleinen Südinseln.
Auf Cooper Island treffen wir ein traumhaftes Revier mit freien Bojen. Hier in Cooper-Bay sieht es aus, als hätte der Hurrikan einen Umweg gemacht: üppiges Grün, Palmen, Sträucher, Laufstege aus Holz, zwitschernde Vögel, mehrere Bars. Wir lassen uns in eine Lounge fallen und geniessen den herrlichen Anblick des Türkis-Meeres und Inselreiches vor uns – sooo entspannend!
Ein Blick in die Wetterprognosen besagt, dass sich für den beschwerlichen Weg gegen den Passatwind und -Welle nach Ost-Südost, zurück zu den südlichen kleinen Antillen, in drei Tagen ein passendes, fast einmaliges Wetterfenster öffnet. Wir behalten das im Auge und fassen einen abgekürzten Törnplan für den Rest der BVIs ins Auge: Road-Harbour auf Tortola und Norman Island vor dem Absprung.
Erste Lagebeurteilung, denn wir sind in einem Dilemma: Nämlich haben wir auf den 20. März mit Matt und Mirjam auf Tortola abgemacht. Matt ist der Amerikanische Mitsegler auf der Atlantiküberquerung. Inzwischen hat er anderen Amerikanern einen an der ARC+ teilgenommenen Katamaran abgekauft und möchte ihn uns unbedingt zeigen. Es ist Irie Life, eine Saona47 von Fountaine-Pajot, das neue grosse Schwesterschiff unserer Helia44. Sollen wir das ideale Wetterfenster vom 14. März einfach verstreichen lassen, ohne zu wissen wann es wieder ideal sein wird für den beschwerlichen Sprung nach Saba/Kitts/Nevis? Wir beschliessen mittags los zu segeln.

Kitts/Saint Christoper (15.3.-17.3.20)
Die Nachtfahrt verläuft gut, erst kurz vor Saba setzt gegen Mitternacht eine lästige Welle von Backbord ein. Wir drosseln das Tempo, schneiden die grossen Wellen in günstigerem Winkel an und müssen noch einige Squalls abwettern. So erreichen wir Basseterre auf Kitts (Saint Christopher) anderntags gegen Mittag. Jetzt schnell einklarieren und baldmöglichst Schlaf nachholen!
Basseterre ist vollkommen auf Kreuzfahrtschiffe ausgerichtet, es gibt eigens ein neues Village mit mehreren Strassen und Dutzenden von Shops – alles menschenleer. Liegt es daran, dass heute Sonntag ist? Nein, vor einer Woche kam das letzte Kreuzfahrtschiff. Nun sind wegen Corona die Megadocks geschlossen, die Beamten bekommen beim Nachfragen fast Augenwasser. Wir stehlen uns weg und schauen uns noch die Whitehouse Bay im Süden an: herrlicher Strand und dahinter ein komplett neues Resort in der Christopher-Lagune. Einige Superyachten liegen an den Betonstegen – auch hier: kein Leben und kein Betrieb mehr!

Antigua 2 (17.3.- ???) CORONA im Anzug
Zweite Lagebeurteilung: Es ist der Tag, an dem sich die Krise in der Schweiz verschärft und die ersten Karibikinseln ihre Grenze dicht machen. Wie geplant gemütlich nach Süden weiterreisen?
Wir beschliessen, ostwärts nach Antigua überzusetzen. Antigua lässt Yachten noch rein, während sie auf den Französischen Inseln Guadeloupe und Martinique bereits nicht mehr eingelassen, sondern
vertrieben werden.

Wie weiter?
Unser Schiff soll am 15. Juni in Grenada ausgewassert werden. Dieses Ziel liegt 300sm südlich von unserem gegenwärtigen Standort und wir wollen Sirena nach wie vor in Grenada auswassern. Sie muss versicherungsbedingt während der Hurrikan Saison südlicher als 13°Nord sein.
Während die Corona-bezogenen Massnahmen auch in der Karibik allmählich greifen, harren wir vorderhand hier aus. Wir liegen geschützt im Ankerfeld, haben hier den Frieden, können immer noch per Dinghi an Land gehen und haben Zugang zu den Lebensmittelläden. Auch können wir weiterhin im Revier segeln und schöne Ankerbuchten aufsuchen. Wir rechnen mit 4-6 Wochen Aufenthalt in Antigua.

Vor der Fahrt nach Süden müssen wir:

  • mit Martinique/Guadeloupe die aktuellen Ein-/Durchreisemöglichkeiten abklären
  • mit Grenada das Einreise- und Ausreiseprocedere besprechen
  • mit der Grenada-Marina den Vertrag bestätigen
  • Sorge tragen und uns nicht anstecken

Schiff/Technik
Rückruf betreffend Goiot Escape-hatches durch Fountaine-Pajot: Seit rund zwei Jahren ist bekannt, dass es bei den Notausstiegs-Luken infolge schlecht verklebter Acrylglasflächen zu Wassereinbrüchen kommen kann. Damals ist eine Helia 44 vor Marokko untergegangen, was ein juristisches Verfahren nach sich zog. Vor rund einem Jahr bekamen wir ein Winkelmontageset zum Verkleben der Glasfläche gegen den Rahmen zugesandt. Nun ist Ende 2019 erneut eine Helia 44 zu Schaden gekommen und abgesunken, diesmal vor Puerto Rico.
Nun gehören wir zu den ersten Kunden, welchen die Ersatz-hatches zur Montage zugestellt wird.
Wir erledigen die Montage in einer aufwändigen zweistündigen Aktion mit Hilfe des lokalen Schiffs-Mechanikers Chris Waelen in Jolly Harbour: er arbeitet unter dem Katamaran vom Dinghi aus, ich liege rittlings auf dem SUP und Marlies assistiert vom Schiffsinneren durch die geöffnete Luke. Alles klappt und wir sind frei zur Weiterfahrt.
Endlich werden bei der Solaranlage die Anschlüsse ausgetauscht und ein Sicherungsautomat eingebaut. Wir hatten nämlich einen Kurzschluss, welcher einzelne Anschlüsse verbrannte und dadurch die Leistung enorm beeinträchtigte.
Ausserdem gönnen wir den beiden Volvo-Penta-Motoren den 1’400h-Service (200h-Intervall) und lassen steuerbords die Wasserpumpe ersetzen.
Dass ein Impeller komplett alle Gummizähne verlieren kann, sehen wir bei der Generatorreparatur. Dieser ist also zurecht immer auf Störung gegangen. Nun ist Sirena wieder fit für die kommenden Seemeilen zu den BVIs und bis Grenada.

Crew/Gäste
Bereits im Vorfeld begeisterten sich verschiedene Bekannte und Familienangehörige für eine Mitsegelmöglichkeit in den traumhaften Karibischen Gewässern. Und so kommt es, dass wir während dreimal zwei Wochen unsere Erlebnisse und Erfahrungen auf und um die Antilleninseln mit Gästen teilen dürfen. Wir haben das Zusammensein mit euch sehr geschätzt und genossen – danke vielmals!

bleibende Eindrücke
o die erhabene Zufriedenheit, Freundlichkeit und Langsamkeit der Menschen
o Reggae – Ausdruck der Karibischen Lebensart, wie wir sie hautnah erleben: https://buffalo-soldier.mp3quack.com/ und https://three-little-birds.mp3quack.com/
o die abwechslungsvollen Überfahrten von Insel zu Insel: einmal Passatwind-Schatten, dann wieder voller Wind und grosse Atlantische Wellen
o die Vielfalt und Fülle der Natur: Berge und Palmen-gesäumte Strände, Regenwälder und Lagunen, exotische Tierwelt an Land und am Riff
o abwechslungsreiches Tropen-Klima: sengende (Winter!?!-)Hitze, Sonne und Regen im Wechsel und der herrliche Ausdruck für Regen: «liquid sunshine»
o viele Kleinstaaten: ständiges Ein- und Ausklarieren – nicht jede Insel ist gleich kompliziert
o 3 Währungen wechseln sich ab: US$, Eastern Caribbean Dollar (ca. 0.33 US$) und Euro

Aussichten: Fragen über Fragen
Wie verläuft die Corona-Pandemie bei euch in der Schweiz – wie in Europa?
Wie stemmen die Karibikstaaten diese Epidemie?
Wie verläuft unsere Zeit auf Antigua? Bleibt die Bewegungsfreiheit?
Müssen wir im Mai 300sm nach Grenada in einem Schlag durchsegeln, oder gibt es Anlande- und Ausflugsmöglichkeiten auf dem Weg nach Süden?
Klappt alles mit der Reservation des Trockendock-Platzes?
Wie wirkt sich das alles auf unsere sommerlichen Pläne in der Schweiz und auf unsere weiteren Segelpläne aus?

Zum Schluss:
Wir verfolgen die Situation in der Schweiz/Europa in der Tagespresse und denken fest an euch – liebe Familie und Bekannte. Es liegt uns am Herzen, dass es euch gut geht und dass wir diese Krise alle gut überstehen. Händ Sorg zunenand!

& remember: Hoffnung schöpfen mit https://three-little-birds.mp3quack.com/

Zusammenfassung
2019/Dez. 07. – 2020/März 23. – total 107d – Log: Total/Segel/Motor 990sm

23.3.2020_Martin Lutz/Marlies Gäumann

1 Marigot Bay, südlich der Rodney-Bay auf Saint-Lucia
2 Marigot-Bay Resort
4 “Mathilda” kennen wir von der Atlantik-Überquerung
5 Saint Lucia: unser Führer im Regenwald
6 Boa Constrictor
7 Happy New Year auf Martinique
8 Dave, Ursina, Andrea und Patrick
9 Patrick und Andrea proben TV-Kunststück
10 Ursina und David bei der Dunette – unserer Sundowner-Bar in Saint Anne
11 Kirche von Anse Petit d’Arlet
12 am Korallenriff von Anse Petit d’Arlet (Martinique)
13 Riff-Fisch-Schwarm in Anse Petit d’Arlet
14 Titou George in Süd-Dominica
15 Hochtal mit Regenwald – erinnert doch sehr an die Alpen
16 Indian-River-Flusstour mit Martin Providence in Portsmouth
(Nord-Dominica)
17 Indian River gesäumt von Bäumen mit üppigen Wurzeln
18 Daniel und Laurence
19 Zigarre paffen mit Daniel
20 grauer Leguan auf “Les Petits Ilets (Guadeloupe)
21 und noch ein grüner Leguan
22 Palmenhain entlang der Zitronen-Hai-Aufzucht-Bucht
23 Tuna- und andere Fische versammeln sich im Schatten unseres Kats
24 Distillerie “Bielle” (Marie Galante)
25 Ochsenkarren bringen Zuckerrohr zu den Destillerien
26 Green Turtle taucht auf und …
27 … und muss wieder mal atmen
28 Lion Fisch (giftig)
29 Hobby-Flieger in Falmouth Bay (Antigua)
30 Zerschlissener Impeller des Generators
31 auf Sherry Hights …
32 … zu Steeldrum, Reggae und Sonnenuntergang
33 English- und Falmouth Harbour – das Manhattan von Antigua
34 Kakteen in Süd-Antigua
35 Florian, der Alleinruderer über den Atlantik (ursprünglich 2er Team)
36 English Harbour-Inn
37 Great Bird-Island (Nordost-Antigua)
38 Susanne und Ueli mit Marlies auf Great-Bird Island
39 Natter auf Bird-Island
40 Trimaran mit Foils in Falmouth
41 Fregatt-Vogel-Reservat in der Codrington-Lagune
42 Fregatt-Familie, balzende Männchen und Jungvogel
43 Gorge, unser Guide ist auch Lobsterfischer
44 Sirena vor Barbuda beim zerfallenen Beach-Hotel an der Codrington Bay
45 Simpson-Lagoon in Sint Maarten
46 Wrack an der mittleren Brücke über die Simpson-Lagoon
47 Submarine 🙁 – eines der zahlreichen Wracks
48 Maho-Bay direkt an der Landebahn (Sint Maarten)
49 Warnung vor dem starken Triebwerks-Luftausstoss …
50 …startender Airliner
51 Saba-Resort im Aufbau 3 Jahre nach der Zerstörung durch Hurrikan Irma
52 beschädigter Katamaran auf dem Trockendock von Spanish Harbour (Virgin Gorda)
53 Helia 44 – ein Hurrikan-Opfer von 2017
54 Helia 44 wird im Hafen von Roadtown am Anker wiederhergestellt
55 berühmt-berüchtigter Schoner WILLY-T auf Norman-Island
56 Empfangstor für Kreuzfahrt-Touristen in Basseterre (St. Kitts)
57 hübsches shopping-village für Kreuzfahrt-Reisende
58 üppige Ausbaupläne des Hafens von Basseterre
59 auf dem Weg in unsere “Quarantänen-Destination Antigua,
St. Kitts im Kielwasser
60 düstere Wolken ziehen auf
61 zum Trockendock (Mitte Juni) von Grenada sind es 305 sm
62 Was wir mit den Menschen hier teilen wollen
63 Home-Office in der Quarantäne am Anker vor Jolly Harbour (Antigua)